Schon wieder Schlecker. In diesem Laden arbeiten meines Wissens drei Damen ganz unterschiedlicher Statur. Die Schlanke, die Dralle und die Dicke. Ich stehe an der Kasse, die sich nur eine Kinderarmlänge vom Ausgang entfernt befindet. Die Kundin vor mir verlässt gerade das Geschäft, ein Mann will den Laden betreten, er trägt eine große Sporttasche über der Schulter, rammelt gegen die Einkaufskörbe, die links von der Tür stehen, die Tür schlägt gegen ein Regal. Während die Kundin aus dem Laden hinaus auf die Straße platzt wie zuviel Fleisch, dass sich seinen Weg durch zu enge Nähte bahnt, rudert der Mann im Geschäft mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten und nicht rücklings in das Regal mit den Müllbeuteln zu stürzen. Er fängt sich wieder, die Tür fällt ins Schloss, der Straßenlärm verhallt, er atmet durch und setzt zum Sprechen an:
“Ganz schön eng hier!”
Die dünne Kassiererin schaut sich um, wirft der Drallen einen grinsenden Blick zu und antwortet:
“Darum arbeiten ja hier och nur Schlanke!”
Vor einem Lokal auf der Danziger, ganz nah an der Eberswalder Straße, sitzen zwei kräftige, ältere Damen im regen Treiben, zwischen Ramschläden, Banken und Spätverkäufen. Sie machen Pause in weißen Campingstühlen, deren Lehnen sich unter ihrer Last und Rast bedenklich biegen. Zwei der Stühle an ihrer Tafel haben sie beiseite gestellt, mitten auf den Gehweg, um am Tisch zwei Parkplätze für ihre Rollatoren zu schaffen. An den Handgriffen der Rollatoren hängen Einkaufsnetze, Tüten, die Lederhandtaschen. Sie sitzen da, schlürfen Eiskaffee durch Strohhalme in der flachen Sonne, die gerade noch so über die hohen Gleise der U-Bahn klettert. Die Kellnerin bringt wenig später auf Anweisung der beiden Damen die Rechnung und während diese ihre Brillen hervorkramen und anschließend in ihre großen Portemonnaies greifen, um der Bedienung die abgezählten Münzen über den Tisch zu schieben, entwickelt sich ein kurzes Gespräch.
Alte Dame 1: “Sagen se ma, wo issen eijentlich ihre Kollejin?”
Die Kellnerin versenkt die Münzen mit einem Klimpern in ihrem Kellnerportemonnaie, schaut hoch und fragt:
Kellnerin: “Welche?”
Alte Dame 1: “Na hier, sie wissen schon, die Kleene, so rothaarig…”
Alte Dame 2: ” Ach ja, Mensch, du, die vamiss ick och!”
Die Kellnerin, zunächst ratlos, scheint nun eine Vermutung zu haben, wen die beiden alten Damen meinen könnten. Sie schaut an sich selbst herab und führt ihre Arme mit einer gleitenden Bewegung an ihren Flanken herunter.
Kellnerin: “Ach, die Kleene, hier, ick weeß, so ‘ne Statur wie icke, wa?”
Alte Dame 1: “Nee, nee, so ‘nen Quatsch, die war schlank!”
Reisebusse voll mit Touristen, so etwas sieht man mittlerweile häufiger im Kiez. Sie rollen die Kastanienallee hinunter, schlängeln sich durch die Zionskirchstraße, winden sich um spitze Kurven und schwenken rund um den Teutoburger Platz aus. Fotostopps oder Pausen sind für gewöhnlich hier nicht geplant, meist verschwinden die Busse über die Fehrbelliner Straße, biegen nach rechts in die Schönhauser Allee ein und fahren dorthin, wo ihr Anblick kein Kuriosum mehr ist, in Richtung Alex. Die Leute in den Bussen, die nun hin und wieder durch den Kiez brummen, schauen hinaus und sehen alle ein wenig so aus, als verstünden sie zumindest in den Nebenstraßen der Kastanienallee selbst nicht so ganz, warum sie ihre Stadtrundfahrt an diese Orte führt. Sie schauen auch ein bisschen so, als seien sie froh, dass sie in ihrem Bus sitzen, in erhöhter Position, hinter Glas, und der Bus fährt. Steht man am Straßenrand und einer dieser Busse fährt vorbei, treffen einen ganz plötzlich zig touristische Augenpaare, die irgendetwas suchen, an einem selbst, eine Erkenntnis, eine Bestätigung ihrer Vorstellung vom “gemeinen Prenzlauer-Berg-Bewohner, diesem possierlichen Großstadttierchen”. Man fühlt sich für einen Moment so wie der Hauptdarsteller im Film “Sonnenallee”, der einem Bus voller Westverwandtschaft am Grenzübergang hinterher rennt, laut “Hunger” schreiend. Zu gern würde ich wissen, was die Damen oder Herren, die vorn im Bus neben dem Fahrer sitzen, in ihre Mikrofone sprechen, was sie den Gästen mitteilen, über den Prenzlauer Berg, die Menschen, die Kastanienallee. Aber ich kann es mir denken, das lässt mein Interesse dann auch ganz schnell wieder schwinden. Kürzlich hielt ein solcher Bus dann doch einmal an, kurz nachdem die Zionskirchstraße die Choriner kreuzt. Die Warnblinkleuchte ging an, die Türen auf, binnen Sekunden strömten etwa 50 Menschen auf den schmalen Bürgersteig und verschwanden im Gänsemarsch in der Zionskirchstraße in Richtung Teutoburger Platz. Wir standen nur da, mit fragendem Blick, bis einer von uns die Antwort auf eine Frage gab, die keiner stellte:
“Is bestimmt ‘ne Wohnungsbesichtjung!”
Ich betrete den Schlecker auf der Kastanienallee, Ecke Zionskirchstraße. Früher nannte man das Drogerie, das heißt, solch einen Laden nannte man früher einmal Drogerie. Das hier wiederum, diese “Gewerbeeinheit”, hieß einst “Möbel Boremski”. Als ich die Tür öffne, fängt der elektronische Wachhund an zu heulen und bezichtigt mich mit einer lauten Sirene des Diebstahls, obwohl ich noch nicht einen Schritt in den Laden gemacht habe. Die Verkäuferin schaut mich an, fragend, wie ich das wohl gemacht haben könnte. Noch gar nicht da und schon straffällig. Ich vermute, dass die Verkäuferin eines Ladens, in dem ich zuvor war, um ein Hemd zu kaufen, schlichtweg vergessen hat, die Diebstahlsperre vom Hemd abzumachen. Ich fühle mich von den Blicken der Schlecker-Angestellten zu einer Rechtfertigung genötigt, warum ich hier einen solchen Lärm mache und erkläre meine Situation. Sie schaut mich skeptisch an, sagt, dass ich mir ja jetzt hier die Taschen voll machen könne, in ihrer Schlecker-Filiale. Ich versuche sie zu beruhigen und sage:
“Aber junge Frau, ick bitte Sie, ick bin doch ‘nen ehrlicher Mann!”
Sie mustert mich von oben bis unten, ich zweifle, dass mein Kapuzenpullover, die Mütze, der grüne Parka meiner Aussage in ihren Augen Glaubwürdigkeit verleihen. Dann sagt sie einen Satz, der mich so verstört hat, dass ich gar nichts mehr sagen konnte, bis ich, begleitet von einem abermaligen Sirenenheulen und dem hässlichen Lachen der Verkäuferin den Laden verlassen habe:
“Jaja, erzähln se mir nüscht, ‘n ehrlicher Mann, dit sagen die Fidschis och!”
In der Textilreinigung. Ein Mann fliegt förmlich in den Laden, so eilig hat er es, den roten Zettel in seiner Hand weit von sich in Richtung Bedienung gestreckt. Er spricht erst, als die Bedienung ihm den Zettel bereits abgenommen hat.
“Tach, ick würd jern meen Anzug abholn.”
Die Bedienung wühlt sich durch die Kleiderständer, schubst Hemden, Hosen und Mäntel beiseite, von seiner Hektik angesteckt, bis sie schließlich den gewünschten Anzug im transparenten Plastesack von der Stange nimmt. Sie drückt dem Kunden die Alu-Bügel, auf denen Hose und Sakko hängen, in die Hand und fragt noch:
“Broochen se vielleicht noch wat zun Duften?”
Der Mann fliegt schon wieder aus dem Laden, seine Antwort wird im Satz schon leiser, er ist schon fast weg, aber immerhin hört man noch:
“Danke, nee, ick dusche regelmäßee.”
Ich habe einen alten Freund wieder getroffen. Einfach so, durch Zufall. Mit alten Freunden ist das ja immer so eine Sache. Man macht eine Zeit lang viel miteinander, das ist angenehm, dann hört man sich seltener, von Tag zu Tag wird der Kontakt loser. Irgendwann trennen sich die Wege. Meist hat es ja auch einen Grund, dass man sich aus den Augen verliert. Unterschiedliche Interessen, der eine zieht weg, der andere bleibt. Einer sagt etwas, der andere missversteht es, dann wird nicht darüber geredet, man lebt sich auseinander. Ich hatte den alten Freund jedenfalls lange nicht mehr getroffen. Früher trafen wir uns täglich, immer wieder durch Zufall. Er war einfach immer da. Irgendwann, ich weiß gar nicht mehr genau, wann das war, wurden unsere Treffen seltener, nur gelegentlich begegnete er mir noch auf der Kastanienallee und in meinem Kiez. Wenn ich ihn traf, dann meist in anderen Bezirken, außerhalb des Zentrums, da war er dann plötzlich wieder da. Ich habe mir gedacht, wahrscheinlich hat er nun ein Häuschen im Speckgürtel, machen ja viele, irgendwann, habe mich mit der Erkenntnis begnügt, dass mein alter Freund in seinem Garten sitzt, im Liegestuhl. Oder auf einem Balkon in Marzahn, 15. Stock, mit weitem Blick über die Stadt, die Hochhausdächer und das, was nach Berlin kommt.
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In der Ringbahn, Richtung Ostkreuz. Ein älteres Ehepaar sitzt sich gegenüber, Er erzählt, dass die Jungs jetzt alle diese eckigen Brillen trügen. Günther kleide diese wohl sehr, Gerd habe auch eine, aber der hat ja immer gleich alles, was die anderen haben. Und er selbst, na ja, er könne sich das nicht vorstellen, das sei nichts für ihn, diese neumodischen, eckigen Brillen. Seine Brille wäre ja noch vollkommen in Ordnung, stellt er fragend fest, in der Erwartung, seine Gattin pflichte ihm bei. Sie schaut stoisch aus dem Fenster, hin und wieder zu ihm, nickt, so wie man wahrscheinlich nickt, wenn man seit vierzig Jahren miteinander lebt, jeder den anderen auch mal reden lässt und weiß, dass es genügt so zu tun, als hörte man zu. Während er noch mit den Augen rollt und den runden Rahmen seiner Brille begutachtet, fragt Sie:
„Wann müssen wir raus?“
Er überlegt, die alte Brille auf der Nase, und beginnt aufzuzählen:
„Na ja, warte ma, wir warn jetze Prenzlauer, Greifswalder, Leninallee…“
Am Potsdamer Platz, gegenüber vom Haupteingang des Hotels Hyatt, hat sich wohl vor Jahren mal ein Landschaftsarchitekt gedacht, man müsse hier etwas natürliche Anmutung in diese Betonwüste bringen. Das Ergebnis seiner Überlegungen ist ein etwa drei Meter breiter Flusslauf, der wie ein Burggraben von der Potsdamer Straße bis ans Theater führt, dass derzeit als Berlinale-Palast genutzt wird und allabendlich Promis aller Couleur vom roten Teppich aufsaugt und verschluckt.
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Münzstraße, am Nachmittag. Ein junger Mann kommt mir auf einem dieser Fahrräder entgegen, deren Lenker in ihren Ausmaßen an Kuhfänger großer amerikanischer Trucks erinnern. Er trägt, wie es Mode ist, eine hautenge Röhrenjeans, Chucks, Trainingsjacke, Palästinenser-Tuch, die Haare in die Stirn gekämmt. Alles richtig gemacht, oder falsch. Als er bemerkt, dass ihm die vielen Fußgänger das elegante Gleiten über den Bürgersteig unmöglich machen – immerhin merkt er das - zieht er die Bremse und will absteigen. Seine Jeans ist nicht nur eng, er trägt sie zudem noch weit unterm Schritt und gehört damit zu der Spezies „Fashion-Freak“, die sich in Sachen Outfit und Attitüde dafür entschieden haben, gar keinen Arsch mehr in der Hose zu haben. Der Rahmen zu hoch, die Hose zu tief, drum steht er auf Zehenspitzen da, das Fahrrad zwischen den Beinen.
Er schaut sich um, für gewöhnlich labt er sich wahrscheinlich an den Blicken anderer, nun aber heischt er nach einem Moment, in dem er sich unbeobachtet fühlt. Er sieht mich nicht, und versucht mit Schwung das rechte Bein über den Sattel zu heben, bleibt mangels Flexibilität im Beinkleid jedoch mit der rechten Unterschenkelgräte an der Sattelstange hängen. Der schmale Junge gerät auf seinem breiten Fahrrad ins Wanken. Er hüpft auf dem linken Bein hin und her, balanciert, den ausladenden Lenker fest umkrallt, die sonst so kontrollierten Gesichtszüge entgleisen ihm, seine Augen suchen flehend nach Halt. Erst als das Fahrrad fast schon am Boden liegt, gelingt es ihm mit seinem textilbedingten maximalen Hosenspreizwinkel von geschätzten 28 Grad wieder, beidbeinigen Bodenkontakt zu erlangen. Er hebt das Fahrrad auf und schiebt es davon, viel schneller, als er kurz zuvor noch darauf gefahren war.
Ich treibe Sport, hin und wieder. Es ist kein normales Fitnesscenter, das ich besuche. Hier wird “gesundheitsorientiert Kraft trainiert”. Alle Altersklassen sind vertreten, viele machen hier Sport aus einer medizinischen Notwendigkeit heraus, oder als Rehabilitationsmaßnahme. Das macht das Publikum etwas angenehmer, dachte ich. Tatsächlich feuert hier niemand seinen Trainingspartner an, “Komm, du Schlaffi, beißen, einen schaffst du noch!”. Hier schnauft und schreit niemand auf der Hantelbank. Soll es ja geben, woanders. Allerdings hat auch dieses Fitnessstudio ein mittelgroßes Manko in Bezug auf das Publikum. Es liegt in Prenzlauer Berg, was allein ja noch nicht schlimm wäre, aber es befindet sich in der Kulturbrauerei.
So ergab es sich, dass mir kürzlich, als ich mit einem Handtuch um die Hüfte in die Duschtonne trat, ein nasser, nackter Mann begegnete. Zunächst nicht ungewöhnlich. Doch als ich wieder aus der Dusche und an meinen Eisenspind trat und meinen Blick durch die graue Umkleide wandern ließ, traute ich meinen Augen kaum. Der Mann, der mir eben aus der Dusche entgegen trat, saß nun, splitternackt, barärschig sozusagen auf der kalten Eisenbank vor seinem Schrank.
Auf seinen blassen, weißen Schenkeln ein Laptop in gleicher Farbe.