Augen auf(!) Berlin.

17.2.2009

Eens is klar: “Allet Arschlöcher!”

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 13:23

In einem Geschäft in Friedrichshain, von dem wahrscheinlich nicht einmal der Besitzer weiß, was es sein soll - Café, Spätverkauf, Imbiss oder Bäcker - sitzen drei junge Männer entlang der linken Wand, verteilt auf drei Tische. Eine Verkäuferin steht neben dem ältesten der drei Männer, ein weiterer Verkäufer auf der rechten Seite, hinterm Tresen. Wir betreten das Geschäft und platzen anscheinend in eine angeregte Unterhaltung, deren Inhalt ich hier unkommentiert im ungefähren Wortlaut wiedergeben möchte.

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29.12.2008

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 17:30

“Das Muster bleibt immer gleich: Ein Gebiet mit niedrigen Mieten blüht plötzlich auf, das Leben dort ist locker und menschlich - dann kommt es in Mode. Der Geschmack der Inhaber dicker Spesenkonten treibt die Mieten und Preise so hoch, dass die ursprünglichen Bewohner nicht mehr mithalten können…wieder einmal sind sie gezwungen weiterzuziehen.”    Hunter S. Thompson, “The Battle of Aspen”, 1970

24.12.2008

Käffchen?

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 15:00

Ich laufe die Kastanienallee hoch, vorbei an Videothek, Optiker, den Zeitungsladen gegenüber kenne ich, seit ich denken kann, den Zeitungsverkäufer auch, die Apotheke gehörte früher mal den Kochs, ein sympathisches Ehepaar. Jetzt heißt der Besitzer Sanimedius und warb kürzlich mit Krügerol im Schaufenster für einen neuen Kinofilm mit DDR-Thematik, in einer Apotheke. Aber immerhin versorgt Sanimedius auch noch Kranke mit Medikamenten. Über die Schwedter hinweg kommt linkerhand noch ein Kindergarten und ein Künstlerbedarf, ein Copy-Shop, und dann war es das auch fast, mit wirklich sinnvollen Geschäften und Einrichtungen. Was folgt, sind größtenteils Läden, die künstlich erzeugte Bedürfnisse befriedigen. Da haben Menschen Geschäftssinn bewiesen, haben sich gedacht, die Kastanienallee, da werde ich meine bunten T-Shirts am besten los, aber was nützt Geschäftssinn auf Dauer, wenn das Geschäft doch keinen Sinn hat.  Ich komme an einem Bäcker vorbei, ein junger Mann tritt aus der Tür, einen Pappbecher in der Hand. er schaut grimmig in den Pappbecher, dreht sich um, schaut erneut in den Becher und plötzlich kippt er den noch dampfenden Kaffee in zwei ruckartigen Bewegungen gegen das Schaufenster des Bäckers. Den Becher schmeißt er hinterher, doch macht Pappe auf Glas kein Geräusch und schon gar nichts kaputt. Die braune Filterbrühe läuft dampfend die kalte Scheibe hinunter, die Verkäuferin schaut, als hätte gerade jemand einen Anschlag auf ihr Leben verübt. Der Mann steht da, in Rage, schaut der Verkäuferin durch die kaffeetrübe Scheibe in die Augen und brüllt wie am Spieß: 

“Zwee Euro, ihr habt do wohl n Arsch offen, ihr Fotzen!”   

15.12.2008

Moral, und zwar doppelt.

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 00:26

Donnerstagnacht. Ich stehe in einem Kreuzberger Keller, der sich Privatclub nennt. Über den Eingang der Markthalle und eine steile Treppe gerät man in diese Katakomben. Obwohl Mike Huckaby an diesem Abend auflegt, haben sich nicht viele Leute hierher verirrt. Schaut man in die spärliche Runde, ist man wiederum ganz froh, dass nicht noch mehr da sind, zumindest von denen. Während ich mit einem Caipirinha kämpfe, der am Zucker nur vorbeigelaufen ist, unter dem Hals der Pitu-Flasche allerdings einen deutlich längeren Stopp eingelegt hat, kommt ein Typ auf mich zu. Kleiner Mann, Kinnbart, schwarze Haare, weiße Jeans. Es mag oberflächlich klingen, aber Typen, die freiwillig weiße Jeans tragen, sind mir suspekt, seit ich mal unfreiwillig drei Wochen lang weiße Jeans tragen musste. Typen, die noch dazu weiße Jeans tragen, während draußen der Berliner Winter mit Matsch und Schneeregen Einzug hält, die verstehe ich nicht. Der Typ kommt mir unangenehm nah, streckt sich, schaut sich um und fragt flüsternd: 

“Ey, hast du vielleicht Speed oder Ecstasy?”  

 Ich habe eine tiefe Abneigung gegen chemische Drogen, lasse ihn das mit Blicken spüren, winke ab und drehe mich weg. Eine weitaus weniger ausgeprägte Abneigung habe ich allerdings gegen Zigaretten. Also zünde ich mir wenig später eine Zigarette an, auf der Tanzfläche. Ich ziehe unbekümmert, zwei Mal, drei Mal. Plötzlich kommt der Typ, der mich soeben noch nach Speed oder Ecstasy gefragt hat, erneut auf mich zu. Dieses Mal trägt er den vorwurfsvollen Blick. Er legt seine Hand auf meine Schulter, schüttelt schockiert den Kopf, als hätte ich gerade einem Kind den Lutscher geklaut, und sagt schließlich in mahnendem Ton: 

“Dir ist aber schon bewusst, dass man hier nicht rauchen darf, oder?”  

11.12.2008

Anlehnen und Ablehnen

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 22:09

Ein kleines Mädchen, fünf Jahre, sechs vielleicht, steht neben seinem Großvater, schaut auf zu ihm, schleicht um ihn herum, schmiegt sich schließlich an sein Hosenbein, lehnt sich an. Der Großvater zeigt keine Reaktion, blickt stur ins Leere, über sie hinweg. Sie sagt: 

“Du, Opa, ich hab dich lieb!” 

 Daraufhin sagt er, ohne sie anzuschauen: 

“Na dann is ja jut!”  

Im Konsum

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 21:49

Hilflos stehe ich zwischen den meterhohen Regalen des Großhandels, dessen gelbe Buchstaben auf blauem Grund weit über die Dächer der Gewerbehallen am alten Wriezener Bahnhof leuchten. Ich suche, also bin ich. In der Metro. Manchmal bekommt man das Gefühl, die Waren bekommen hier wöchentlich einen neuen Platz zugewiesen, damit die Kundschaft auch mal andere Wege geht und alle Produkte wenigstens einmal sieht. Bummelnde Privateinkäufer schlendern mit leeren Wagen durch die Gänge, ein Graus für jeden, der hier nicht zum Spaß ist. Bevor ich mir von denen in die Hacken fahren lasse, weil ihre Blicke links und rechts an den farbenfrohen Produktpaletten kleben, entscheide ich mich, eine Kauffrau im Großhandel, die gerade Ware entpackt, um Rat zu fragen.

“Verzeihung, könnse mir vielleicht sagen, wo ick neuerdings die Schokoreiswaffeln finde?”  

 

“Keene Ahnung, ick bin Waschmittel!”   

7.12.2008

Flaschen sammeln vorm Feinkostpalast

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 15:54

Alles ist neu, alles ist schick, bei Kaiser’s am Teutoburger Platz, geöffnet hat der Laden jetzt von 8 bis 24 Uhr. In den Regalen türmen sich die Bio-Lebensmittel, und doch ist alles künstlich. Die Auswahl ist reich, vielfältig, enorm, erschlagend, die Kundschaft eher einfarbig. Die drei Flaschencontainer vor der Tür sind beinah die einzigen Überreste aus der Zeit, als das hier noch eine ganz normale Kaufhalle war und sie ziehen nach wie vor Leute an, die hier nicht mehr so ganz zwischen die Regale und Gänge passen.

So stehen zwei bärtige, abgewrackte Typen mit langen Drahthaken an den glockenartigen Gebilden, in die Anwohner zwischen 10 und 12 und 15 und 19 Uhr ihre Flaschen versenken. Sie fischen nach Leergut, das acht, 15 oder gar 25 Cent in ihre löchrigen Taschen spült. Der eine Typ ist versiert, mit dem Drahthaken, fischt eine Flasche nach der anderen aus der Glocke, schmeißt Einwegflaschen wieder hinein und Pfandflaschen in seinen versifften Stoffbeutel, sein Blick ist geschult. Der andere Typ ist grobmotorischer veranlagt, anscheinend ist er noch nicht so lange dabei. Mit Mühe und Not angelt er eine braune Saftflasche aus dem Container, liest sich das Etikett aufmerksam durch, sucht nach einem Hinweis, ob er einen Fang gemacht hat. Anscheinend kann er nichts finden, was darauf hinweist, dass es für diese Flasche acht oder 15 oder gar 25 Cent gäbe. Als er enttäuscht ansetzt, um die Flasche wieder im Container zu versenken, brüllt ihn sein Kollege vom anderen Container an:

“Ey, Alter, Appel-Sanddorn, Bio, fuffßen Cent, du Pfeife!” 

6.12.2008

Identitätskrise

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 15:07

Ich stehe auf der Kastanienallee, wartend. Ein junger Mann kommt auf mich zu. Als er an mir vorbeigeht, schaut er mich an, überlegt, und bleibt schließlich zwei Meter neben mir stehen.

„Florian?“

„Nein“, sage ich.

„Doch“, sagt er und ich meine, Erleichterung in seinem Blick zu erkennen, als habe er sich verlaufen und sei nun endlich, in seiner Hilflosigkeit in der fremden Stadt, einem bekannten Gesicht begegnet.

„Nein“, sage ich bestimmter.

Doch, doch“, sagt er wieder, bestimmter, „du bist der Florian aus Tübingen!“

Ich merke, wie seine Sicherheit in der Behauptung mich zunehmend verunsichert, und für einen ganz kurzen Moment ertappe ich mich dabei, dass ich ins Grübeln gerate, ob ich nicht vielleicht doch Florian aus Tübingen bin.

5.12.2008

Wer bin ich und wenn ja wie viele?

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 15:44

Schönhauser Allee Arcaden, am Abend. Im Kaiser’s sitzt eine Dame mit blonder Dauerwelle an der Kasse und fiebert ihrem Feierabend entgegen. Zwei Kunden und ihre späten Einkäufe trennen sie noch vom Schrank, in den sie ihren weißen Kittel hängen wird, um in Zivil aus dem Markt zu schweben. Jeder Kunde, der es wagt, sich noch in ihre Schlange einzureihen, wird von ihr angeherrscht:

Hier nich mehr. Jehn se ma bei meine Kollegin.“

Die Kundschaft spurt. Als sich allerdings nochmals eine Dame in ihre Schlange stellt, wird die dauergewellte Dame laut:

 „Jetzt jehn se doch ma hier rüber bei meine Kollegin hin. Kieken se doch mal, da is leer, da is NIEMAND!“

 An der Kasse der Kollegin, die sie meint, stehe ich. 

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