Ein Freund von mir
Ich habe einen alten Freund wieder getroffen. Einfach so, durch Zufall. Mit alten Freunden ist das ja immer so eine Sache. Man macht eine Zeit lang viel miteinander, das ist angenehm, dann hört man sich seltener, von Tag zu Tag wird der Kontakt loser. Irgendwann trennen sich die Wege. Meist hat es ja auch einen Grund, dass man sich aus den Augen verliert. Unterschiedliche Interessen, der eine zieht weg, der andere bleibt. Einer sagt etwas, der andere missversteht es, dann wird nicht darüber geredet, man lebt sich auseinander. Ich hatte den alten Freund jedenfalls lange nicht mehr getroffen. Früher trafen wir uns täglich, immer wieder durch Zufall. Er war einfach immer da. Irgendwann, ich weiß gar nicht mehr genau, wann das war, wurden unsere Treffen seltener, nur gelegentlich begegnete er mir noch auf der Kastanienallee und in meinem Kiez. Wenn ich ihn traf, dann meist in anderen Bezirken, außerhalb des Zentrums, da war er dann plötzlich wieder da. Ich habe mir gedacht, wahrscheinlich hat er nun ein Häuschen im Speckgürtel, machen ja viele, irgendwann, habe mich mit der Erkenntnis begnügt, dass mein alter Freund in seinem Garten sitzt, im Liegestuhl. Oder auf einem Balkon in Marzahn, 15. Stock, mit weitem Blick über die Stadt, die Hochhausdächer und das, was nach Berlin kommt.
Ich habe mich dennoch immer gefreut, wenn ich ihn traf, ihm hingegen war es, glaube ich, ein bisschen egal, aber das war in Ordnung für mich, damit konnte ich ganz gut leben. Zumal ich wusste, dass mein alter Freund neben mir noch jede Menge andere Freunde hat, da musste er dann auch Prioritäten setzen. Aber es gibt eben auch diese Art guter Freunde, die ruft man nie an, man verabredet sich nicht mit ihnen. Man trifft sie immer rein zufällig, dann ist es aber schön, man sitzt beisammen, verspricht sich, dass man sich doch viel öfter sehen müsste. Man verabredet, dass man sich künftig einmal im Monat trifft, unbedingt, mindestens, lieber noch zwei Mal. Dann geht man auseinander und weiß ganz genau, dass man sich wieder nur durch Zufall begegnen wird, dass es sich hierbei nicht um eine Termin-Freundschaft handelt. Das ist eine Wir-laufen-uns-hin-und-wieder-über-den-Weg-Freundschaft. Dass man sich über den Weg läuft, passiert zwangsläufig seltener, wenn man nicht mehr am gleichen Ort wohnt, im gleichen Kiez. Das liegt in der Natur der Sache.
Früher, wie gesagt, traf ich ihn häufig, er war beinah omnipräsent, mal in der Kaufhalle, an der Frischetheke, dann wieder auf der Straße, da lief er einfach an mir vorbei, in Gedanken versunken, ich rief ihm noch hinterher, aber er hörte mich nicht, war beschäftigt mit seinen anderen Freunden. Er wohnte sogar lange Zeit im selben Haus wie ich und wir trafen uns auf halber Treppe, auf einen kurzen Plausch. Das letzte Mal begegnete ich ihm in einer schicken Bar, in der ich ihn, das mag zugegebenermaßen mein Vorurteil gewesen sein, überhaupt nicht vermutet hätte. Dort stellte er mir einfach so ein Bier auf die Theke. Aber ist ja klar, wenn man sich nicht häufig sieht und hört, nicht weiß, was der andere so treibt, dann weiß man auch nicht, wo er sich herumtreibt.
Ich muss zugeben, richtig weg war er eigentlich auch nie, ich traf ihn schon noch hin und wieder, ich hörte oft von ihm im Freundeskreis. Ich sah ihn auch gelegentlich, aber dann stieg er gerade aus der Straßenbahn, in die ich einstieg, ich hörte ihn nur noch leise rufen, die Scheibe zwischen uns. Ich sah ihn auf dem Alex, von weitem, dann schluckte ihn die Menschenmasse am U-Bahn-Eingang und ich verlor ihn aus den Augen. Und ich hörte seine Stimme hin und wieder in Kneipen, Clubs, Bars, aber dann war er meist anderweitig ins Gespräch vertieft, so dass ich nicht stören wollte.
Gut, es ist Zeit, zum Punkt zu kommen. Ein charakteristisches Merkmal dieser Wir-laufen-uns-über-den-Weg-Freundschaften ist die Tatsache, dass man sich ewige Zeiten - Wochen, Monate, Jahre - eben gerade nicht über den Weg läuft. Und plötzlich prallt man wieder aufeinander. Einmal. Am nächsten Tag gleich wieder. Mitunter sogar mehrmals an einem Tag. Genauso ist es mir mit meinem guten Freund passiert.
Ich laufe die Kastanienallee hinauf, in Richtung Eberswalder, bin kurz beim Bäcker.
„Soll icks einpacken oder jehts uffe Faust?“
Ich schaue kurz in das tiefe Loch einer Baustelle, in dem ein Bauarbeiter steht.
„Atze, jib mir ma die Schippe!“
Im Zeitungsladen schnappe ich mir eine Berliner Zeitung.
„Achtzee Cent, dit Blatt wird och immer dünner, wa?“
Ein paar Häuser weiter stützt sich ein Mann oberkörperfrei auf sein Fensterbrett im ersten Stock und unterhält sich mit einer toupierten Dame auf der Straße.
„Und, wat treibt der Jemahl?
– Ach, hör mir uff mit dem, janzen Tach am jammern, sach ick dir, der hats doch so mitm Kreuze.“
Bei Konnopke stehe ich in der Schlange, zehn Minuten. Der Kassierer, Herr Ziervogel, gibt die Bestellungen der Kundschaft im Konnopke-Code an die Damen vom Grill weiter.
„Zwei Currywürste und Pommes mit Ketchup und Mayonnaise, bitte.
– Een großet Menü rot-weiß, Mädels!“
Da war er wieder da, mein alter Freund. Mir wurde warm ums Herz. Ich fragte ihn, voller Freude, wo er sich denn herumgetrieben habe, die ganze Zeit, dass ich oft an ihn gedacht hätte, die letzten Wochen, mich gefragt habe, was er denn so treibt, gerade erst gestern. Was man so sagt, im Überschwang der Freude, wenn man sich gerade wieder trifft. Er war ganz gefasst, meine Freude überstieg seine bei weitem, das war immer so. Ich sah immer mehr in ihm als er in mir. Er kam mir näher und flüsterte mir nur ins Ohr:
„Ick war immer da, ick war nie weg, ick werde och nie vaschwinden, kann ick jar nich. Du hast mir bloß nich jesehen, und taub warste, die janze Zeit, nur weil die andern lauter sind, heißt dit nich, dass ick weg bin.“
Recht hatte er, wahrscheinlich, mein weiser, alter Freund. Ich habe mir fest vorgenommen, die Ohren offener zu halten, ihn nicht wieder aus den Augen zu verlieren, damit es nicht noch einmal so lange dauert, bis ich ihn wieder finde, meinen alten Freund, den Berliner Dialekt.
Schönes Ende, wenn man sich erstmal durch den Welt längsten Blogeintrag durchgekämpft hat
Liebe Grüße, D.
Kommentar von Diana — 8.6.2009 @ 21:23