Augen auf(!) Berlin.

29.12.2008

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 17:30

“Das Muster bleibt immer gleich: Ein Gebiet mit niedrigen Mieten blüht plötzlich auf, das Leben dort ist locker und menschlich - dann kommt es in Mode. Der Geschmack der Inhaber dicker Spesenkonten treibt die Mieten und Preise so hoch, dass die ursprünglichen Bewohner nicht mehr mithalten können…wieder einmal sind sie gezwungen weiterzuziehen.”    Hunter S. Thompson, “The Battle of Aspen”, 1970

24.12.2008

Käffchen?

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 15:00

Ich laufe die Kastanienallee hoch, vorbei an Videothek, Optiker, den Zeitungsladen gegenüber kenne ich, seit ich denken kann, den Zeitungsverkäufer auch, die Apotheke gehörte früher mal den Kochs, ein sympathisches Ehepaar. Jetzt heißt der Besitzer Sanimedius und warb kürzlich mit Krügerol im Schaufenster für einen neuen Kinofilm mit DDR-Thematik, in einer Apotheke. Aber immerhin versorgt Sanimedius auch noch Kranke mit Medikamenten. Über die Schwedter hinweg kommt linkerhand noch ein Kindergarten und ein Künstlerbedarf, ein Copy-Shop, und dann war es das auch fast, mit wirklich sinnvollen Geschäften und Einrichtungen. Was folgt, sind größtenteils Läden, die künstlich erzeugte Bedürfnisse befriedigen. Da haben Menschen Geschäftssinn bewiesen, haben sich gedacht, die Kastanienallee, da werde ich meine bunten T-Shirts am besten los, aber was nützt Geschäftssinn auf Dauer, wenn das Geschäft doch keinen Sinn hat.  Ich komme an einem Bäcker vorbei, ein junger Mann tritt aus der Tür, einen Pappbecher in der Hand. er schaut grimmig in den Pappbecher, dreht sich um, schaut erneut in den Becher und plötzlich kippt er den noch dampfenden Kaffee in zwei ruckartigen Bewegungen gegen das Schaufenster des Bäckers. Den Becher schmeißt er hinterher, doch macht Pappe auf Glas kein Geräusch und schon gar nichts kaputt. Die braune Filterbrühe läuft dampfend die kalte Scheibe hinunter, die Verkäuferin schaut, als hätte gerade jemand einen Anschlag auf ihr Leben verübt. Der Mann steht da, in Rage, schaut der Verkäuferin durch die kaffeetrübe Scheibe in die Augen und brüllt wie am Spieß: 

“Zwee Euro, ihr habt do wohl n Arsch offen, ihr Fotzen!”   

Die große Flucht (Weihnachten 2007)

Abgelegt unter: Alte Filme — Conrad @ 14:47

In der Milchschaumschläger-Hochburg rund um die Kastanienallee braucht man weder einen Kalender noch ein gutes Zeitgefühl, um zu erkennen, wann es mal wieder weihnachtet. Man erkennt es am Straßenbild.

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16.12.2008

Am Hackeschen Markt

Abgelegt unter: Im Blickfeld — Conrad @ 23:12

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15.12.2008

‘Verrückt bleiben, bitte!’ (2006)

Abgelegt unter: Alte Filme — Conrad @ 01:38

Der Berliner Untergrund ist eine Parallelwelt. Die U-Bahnen verkehren in kilometerweit verzweigten dunklen Tunneln, verschlucken an den Haltestellen Passagiere, um sie an einem anderen Ort, irgendwo in dieser Stadt, wieder auszuspucken. Wie im Zeitraffer strömen die Massen durch unterirdische Gänge, um in den nächsten gelben Blechwurm zu steigen, der sich durch das Mark der Stadt frisst. Im Feierabendverkehr liegt Schweißgeruch in der Luft, am frühen Morgen schwängern die letzten Nachtgestalten die Luft mit dem beißenden Geruch verbrennenden Alkohols. Die U-Bahn ist der Pulsschlag, die Blutbahn der Stadt. Kommt der Untergrund aus dem Takt, gerät auch das Leben im Tageslicht schnell aus der Bahn.

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Moral, und zwar doppelt.

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 00:26

Donnerstagnacht. Ich stehe in einem Kreuzberger Keller, der sich Privatclub nennt. Über den Eingang der Markthalle und eine steile Treppe gerät man in diese Katakomben. Obwohl Mike Huckaby an diesem Abend auflegt, haben sich nicht viele Leute hierher verirrt. Schaut man in die spärliche Runde, ist man wiederum ganz froh, dass nicht noch mehr da sind, zumindest von denen. Während ich mit einem Caipirinha kämpfe, der am Zucker nur vorbeigelaufen ist, unter dem Hals der Pitu-Flasche allerdings einen deutlich längeren Stopp eingelegt hat, kommt ein Typ auf mich zu. Kleiner Mann, Kinnbart, schwarze Haare, weiße Jeans. Es mag oberflächlich klingen, aber Typen, die freiwillig weiße Jeans tragen, sind mir suspekt, seit ich mal unfreiwillig drei Wochen lang weiße Jeans tragen musste. Typen, die noch dazu weiße Jeans tragen, während draußen der Berliner Winter mit Matsch und Schneeregen Einzug hält, die verstehe ich nicht. Der Typ kommt mir unangenehm nah, streckt sich, schaut sich um und fragt flüsternd: 

“Ey, hast du vielleicht Speed oder Ecstasy?”  

 Ich habe eine tiefe Abneigung gegen chemische Drogen, lasse ihn das mit Blicken spüren, winke ab und drehe mich weg. Eine weitaus weniger ausgeprägte Abneigung habe ich allerdings gegen Zigaretten. Also zünde ich mir wenig später eine Zigarette an, auf der Tanzfläche. Ich ziehe unbekümmert, zwei Mal, drei Mal. Plötzlich kommt der Typ, der mich soeben noch nach Speed oder Ecstasy gefragt hat, erneut auf mich zu. Dieses Mal trägt er den vorwurfsvollen Blick. Er legt seine Hand auf meine Schulter, schüttelt schockiert den Kopf, als hätte ich gerade einem Kind den Lutscher geklaut, und sagt schließlich in mahnendem Ton: 

“Dir ist aber schon bewusst, dass man hier nicht rauchen darf, oder?”  

14.12.2008

Mit Nachdruck

Abgelegt unter: Im Blickfeld — Conrad @ 23:36

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11.12.2008

Anlehnen und Ablehnen

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 22:09

Ein kleines Mädchen, fünf Jahre, sechs vielleicht, steht neben seinem Großvater, schaut auf zu ihm, schleicht um ihn herum, schmiegt sich schließlich an sein Hosenbein, lehnt sich an. Der Großvater zeigt keine Reaktion, blickt stur ins Leere, über sie hinweg. Sie sagt: 

“Du, Opa, ich hab dich lieb!” 

 Daraufhin sagt er, ohne sie anzuschauen: 

“Na dann is ja jut!”  

Im Konsum

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 21:49

Hilflos stehe ich zwischen den meterhohen Regalen des Großhandels, dessen gelbe Buchstaben auf blauem Grund weit über die Dächer der Gewerbehallen am alten Wriezener Bahnhof leuchten. Ich suche, also bin ich. In der Metro. Manchmal bekommt man das Gefühl, die Waren bekommen hier wöchentlich einen neuen Platz zugewiesen, damit die Kundschaft auch mal andere Wege geht und alle Produkte wenigstens einmal sieht. Bummelnde Privateinkäufer schlendern mit leeren Wagen durch die Gänge, ein Graus für jeden, der hier nicht zum Spaß ist. Bevor ich mir von denen in die Hacken fahren lasse, weil ihre Blicke links und rechts an den farbenfrohen Produktpaletten kleben, entscheide ich mich, eine Kauffrau im Großhandel, die gerade Ware entpackt, um Rat zu fragen.

“Verzeihung, könnse mir vielleicht sagen, wo ick neuerdings die Schokoreiswaffeln finde?”  

 

“Keene Ahnung, ick bin Waschmittel!”   

9.12.2008

Das gesundheitsgefährdende Moment einer Röhrenjeans

Abgelegt unter: "Du musst mit deinem Blick durch Städte wandern..." — Conrad @ 15:08

Münzstraße, am Nachmittag. Ein junger Mann kommt mir auf einem dieser Fahrräder entgegen, deren Lenker in ihren Ausmaßen an Kuhfänger großer amerikanischer Trucks erinnern. Er trägt, wie es Mode ist, eine hautenge Röhrenjeans, Chucks, Trainingsjacke, Palästinenser-Tuch, die Haare in die Stirn gekämmt. Alles richtig gemacht, oder falsch. Als er bemerkt, dass ihm die vielen Fußgänger das elegante Gleiten über den Bürgersteig unmöglich machen – immerhin merkt er das - zieht er die Bremse und will absteigen. Seine Jeans ist nicht nur eng, er trägt sie zudem noch weit unterm Schritt und gehört damit zu der Spezies „Fashion-Freak“, die sich in Sachen Outfit und Attitüde dafür entschieden haben, gar keinen Arsch mehr in der Hose zu haben. Der Rahmen zu hoch, die Hose zu tief, drum steht er auf Zehenspitzen da, das Fahrrad zwischen den Beinen.

Er schaut sich um, für gewöhnlich labt er sich wahrscheinlich an den Blicken anderer, nun aber heischt er nach einem Moment, in dem er sich unbeobachtet fühlt. Er sieht mich nicht, und versucht mit Schwung das rechte Bein über den Sattel zu heben, bleibt mangels Flexibilität im Beinkleid jedoch mit der rechten Unterschenkelgräte an der Sattelstange hängen. Der schmale Junge gerät auf seinem breiten Fahrrad ins Wanken. Er hüpft auf dem linken Bein hin und her, balanciert, den ausladenden Lenker fest umkrallt, die sonst so kontrollierten Gesichtszüge entgleisen ihm, seine Augen suchen flehend nach Halt. Erst als das Fahrrad fast schon am Boden liegt, gelingt es ihm mit seinem textilbedingten maximalen Hosenspreizwinkel von geschätzten 28 Grad wieder, beidbeinigen Bodenkontakt zu erlangen. Er hebt das Fahrrad auf und schiebt es davon, viel schneller, als er kurz zuvor noch darauf gefahren war.

8.12.2008

Immer unter Strom

Abgelegt unter: "Du musst mit deinem Blick durch Städte wandern..." — Conrad @ 15:37

Ich treibe Sport, hin und wieder. Es ist kein normales Fitnesscenter, das ich besuche. Hier wird “gesundheitsorientiert Kraft trainiert”. Alle Altersklassen sind vertreten, viele machen hier Sport aus einer medizinischen Notwendigkeit heraus, oder als Rehabilitationsmaßnahme. Das macht das Publikum etwas angenehmer, dachte ich. Tatsächlich feuert hier niemand seinen Trainingspartner an, “Komm, du Schlaffi, beißen, einen schaffst du noch!”. Hier schnauft und schreit niemand auf der Hantelbank. Soll es ja geben, woanders. Allerdings hat auch dieses Fitnessstudio ein mittelgroßes Manko in Bezug auf das Publikum. Es liegt in Prenzlauer Berg, was allein ja noch nicht schlimm wäre, aber es befindet sich in der Kulturbrauerei.

So ergab es sich, dass mir kürzlich, als ich mit einem Handtuch um die Hüfte in die Duschtonne trat, ein nasser, nackter Mann begegnete. Zunächst nicht ungewöhnlich. Doch als ich wieder aus der Dusche und an meinen Eisenspind trat und meinen Blick durch die graue Umkleide wandern ließ, traute ich meinen Augen kaum. Der Mann, der mir eben aus der Dusche entgegen trat, saß nun, splitternackt, barärschig sozusagen auf der kalten Eisenbank vor seinem Schrank.

Auf seinen blassen, weißen Schenkeln ein Laptop in gleicher Farbe.

7.12.2008

Flaschen sammeln vorm Feinkostpalast

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 15:54

Alles ist neu, alles ist schick, bei Kaiser’s am Teutoburger Platz, geöffnet hat der Laden jetzt von 8 bis 24 Uhr. In den Regalen türmen sich die Bio-Lebensmittel, und doch ist alles künstlich. Die Auswahl ist reich, vielfältig, enorm, erschlagend, die Kundschaft eher einfarbig. Die drei Flaschencontainer vor der Tür sind beinah die einzigen Überreste aus der Zeit, als das hier noch eine ganz normale Kaufhalle war und sie ziehen nach wie vor Leute an, die hier nicht mehr so ganz zwischen die Regale und Gänge passen.

So stehen zwei bärtige, abgewrackte Typen mit langen Drahthaken an den glockenartigen Gebilden, in die Anwohner zwischen 10 und 12 und 15 und 19 Uhr ihre Flaschen versenken. Sie fischen nach Leergut, das acht, 15 oder gar 25 Cent in ihre löchrigen Taschen spült. Der eine Typ ist versiert, mit dem Drahthaken, fischt eine Flasche nach der anderen aus der Glocke, schmeißt Einwegflaschen wieder hinein und Pfandflaschen in seinen versifften Stoffbeutel, sein Blick ist geschult. Der andere Typ ist grobmotorischer veranlagt, anscheinend ist er noch nicht so lange dabei. Mit Mühe und Not angelt er eine braune Saftflasche aus dem Container, liest sich das Etikett aufmerksam durch, sucht nach einem Hinweis, ob er einen Fang gemacht hat. Anscheinend kann er nichts finden, was darauf hinweist, dass es für diese Flasche acht oder 15 oder gar 25 Cent gäbe. Als er enttäuscht ansetzt, um die Flasche wieder im Container zu versenken, brüllt ihn sein Kollege vom anderen Container an:

“Ey, Alter, Appel-Sanddorn, Bio, fuffßen Cent, du Pfeife!” 

Sparmaßnahmen bei der Wall AG

Abgelegt unter: Im Blickfeld — Conrad @ 14:15

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6.12.2008

“Flieg’!”

Abgelegt unter: "Du musst mit deinem Blick durch Städte wandern..." — Conrad @ 16:01

Vor der Volksbühne steht vor ein paar Wochen ein schwarzer Kombi, bis unter das Dach gefüllt mit aufgeblasenen Luftballons. Die Aufschrift des Wagens verrät, dass die drei Herren im Auto ihren Lebensunterhalt mit Luft bestreiten, mit Luft in Ballons. Es weht ein eisiger Wind über den großen Platz. Der Herbst zeigt seit ein paar Tagen seine vorwinterliche Fratze.

 

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Identitätskrise

Abgelegt unter: Aufgeschnappt — Conrad @ 15:07

Ich stehe auf der Kastanienallee, wartend. Ein junger Mann kommt auf mich zu. Als er an mir vorbeigeht, schaut er mich an, überlegt, und bleibt schließlich zwei Meter neben mir stehen.

„Florian?“

„Nein“, sage ich.

„Doch“, sagt er und ich meine, Erleichterung in seinem Blick zu erkennen, als habe er sich verlaufen und sei nun endlich, in seiner Hilflosigkeit in der fremden Stadt, einem bekannten Gesicht begegnet.

„Nein“, sage ich bestimmter.

Doch, doch“, sagt er wieder, bestimmter, „du bist der Florian aus Tübingen!“

Ich merke, wie seine Sicherheit in der Behauptung mich zunehmend verunsichert, und für einen ganz kurzen Moment ertappe ich mich dabei, dass ich ins Grübeln gerate, ob ich nicht vielleicht doch Florian aus Tübingen bin.

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